Als wir den offenen Kanal endlich durchsegelt hatten, wurde die Kompassnadel immer unberechenbarer und zeigte den Kurs Tag für Tag mit immer mehr Abweichungen an bis sich die Nadel schliesslich komplett drehte.

Das Wetter war schön und die Sterne klar sichtbar. Diesem Umstand verdankten wir, dass wir uns nicht durch den verrückt spielenden Kompass verwirren liessen und so den Kurs einhalten konnten. Vier Wochen später kamen wir in immer mehr eisfreies Gebiet bis wir schlussendlich umsonst nach den mächtigen Eiswällen Ausschau hielten. Das schwarz anmutende offene Meer erstreckte sich, wohin das Auge blickte und wir hielten den eingeschlagenen Kurs.

Es gab zum Glück keine aufregenden Erlebnisse und vier Monate nach der Durchquerung des Kanals segelten wir weiterhin im offenen Meer. Die Temperaturen stiegen langsam aber sicher an; es war bedeutend weniger kalt.


Weitere zwei Monate später sichteten wir Treibholz und bald darauf erblickten wir die ersten Seevögel; deren Anzahl sich täglich erhöhte. Die ersten Vögel erblickten wird zuerst Steuerbord (rechte Seite). Tag für Tag wurden es mehr, bis wir schliesslich auch Vögel sahen, die unmissverständlich Landvögel waren. Ich sagte Captain Brent, dass wir wahrscheinlich parallel zu irgendeiner Küste segelten und schlug vor, dass wir den Kurs ändern sollten, um so vielleicht Land zu sichten. Wir änderten also den Kurs und die Hinweise auf Land verstärkten sich je länger je mehr, da wir immer mehr Treibholz sichteten. Die Anspannung wurde so stark, dass ich keine ruhige Minute mehr fand und, einmal vom Schlaf erwacht (an Schlaf war eigentlich gar nicht zu denken) lief ich stundenlang auf dem Deck hin und her und suchte den Horizont mit dem Fernglas ab (eine absolut unnötige Zeitverschwendung, da ein Matrose auf der Spitze des höchsten Mastes Ausschau hielt und der in der Lage war, eventuell auftauchendes Land viel früher als ich wahrzunehmen).


Das Wetter war uns weiterhin gnädig und irgendwie spürten wir alle, dass bald Land in Sicht sein wird. Kurs nach Sonnenuntergang, es war der 20. Juli, nahmen wir auf Steuerbord am Horizont eine Art Leuchten wahr. Sofort änderten wir den Kurs. Wir waren alle aufs äusserste angespannt. An Essen war nicht zu denken. Das Leuchten nahm langsam aber sicher zu und dann, um genau 22:00 Uhr rief uns der Matrose auf der Mastspitze zu, dass er Lichter wahrnehme, die eindeutig elektrisches Licht sein müssen.


Als ich dies vernahm, starben alle meine Hoffnungen, unbekanntes Land in einem unbekannten Ozean zu entdecken. Es schien, als dass wir in den letzten Monaten irgendwie so stark vom Kurs abgekommen waren, und dass wir uns wieder der Zivilisation näherten, von der ich mich abwenden wollte.

Captain Brent meinte, dass es sich um die Lichter einer Stadt an der Westküste von Südamerika handeln müsse; auch wenn er es nicht verstand, wie dies sein kann, da wir -gemäss den Sternen- immer Richtung Süden gesegelt sind. Innert kürzester Zeit war es klar ersichtlich, dass wir uns einer Stadt näherten, die, aufgrund der vielen elektrischen Lichter, relativ gross sein muss.


Als wir uns noch mehr näherten, immer darauf bedacht, die Meerestiefe auszuloten, befahlt der Captain, das Schiff zu ankern und das Tageslicht abzuwarten, um in den Hafen, falls es einen gab, einzuschiffen. Als das Schiff schliesslich verankert war, hat mich die seltsame Stille von Ehrfurcht ergriffen. Die gesamte Crew war still. Auch wenn es sich, aufgrund der vielen Lichter, um eine sehr grosse Stadt handelte, war die totale Abwesenheit von Lärm richtig beunruhigend. Wir ankerten nur wenige Meilen von dieser unbekannten Küste.




Am nächsten Morgen wurde ich durch die Geräusche geweckt, die das Lichten des Ankers verursachten. Sofort sprang ich aus der Koje, zog mich an und ging an Deck und hörte, wie sich der Captain und die Crew über das Boot unterhielten, dass aus dem Hafen direkt auf uns zukam. Ungläubig starrten sie auf das aussergewöhnliche Boot, das allem Anschein nach mit gut 50 Meilen pro Stunde auf uns zuraste. So etwas hat die Welt noch nie gesehen! Als das Schiff, oder was immer es auch war, auf uns zuraste, denn alles was wir zuersts sahen waren grosse Wogen und viel Gischt nahmen wir zusehends war, dass es sich um ein grosses Schiff handelte, dass ein überdachtes Deck hatte.



Als das Schiff dann endlich bei uns ankam, sahen wir, dass dieses Schiff (falls ein solches Ding überhaupt Schiff genannt werden darf) über einen langen, zigarrenförmigen Rumpf verfügte und über eine bisher unbekannte Struktur, die auf komischen Pfeilern beruhte. An jedem Ende dieses zylinderförmigen Rumpfes befanden sich riesige, kegelförmige Schrauben, die grösser waren, als der Rumpf selbst. Allem Anschein nach bewirkte diese Konstruktion, dass dieses Schiff beim Fahren so viel Gischt und Schaum produzierte.



Ein uniformierter Pilot wurde von Bord gelassen und ein Tau an unserem Bug festgezurrt. Wir wurden in perfektem Englisch (mit einem eigenartigen Akzent) gegrüsst, und gefragt, um was für ein Schiff es sich handelte.


Als wir ihm mitteilten, dass es sich bei unserem Schiff um den "The Wanderer" aus New York handelte, aus den Vereinigten Staaten von Amerika, fiel ihm sein Kinnlade herunter. Seine Augen weiteten sich und er schaute uns so bestürzt an, als wenn wir ihm mitgeteilt hätten, dass es sich bei unserem Schiff um den "Fliegenden Holländer" handelte.


"Um welches Land handelt es sich?", antwortete Captain Brent im Gegenzug. "The Iron Republic", antwortete der Pilot, immer noch salutierend und uns entgegenkommend. Er teilte uns mit, dass er der diensthabende Offizier sei und dass es entgegen den Regeln war, sich mit uns zu unterhalten; ausser Fragen betreffend unserem Schiff und er bat uns, keine weiteren Fragen zu stellen und unsere Neugierde in Zaum zu halten, bis wir an Land waren. Dann werden uns alle Fragen beantwortet.


> The Iron Republic - Kapitel IV