Zu meiner Überraschung war der Aufstieg leichter, als ich vermutete.

Den einfachsten Weg wählend, und dem Wasser so gut als möglich ausweichend, erreichten wir nach gut einem Drittel des Weges einen zweiten Gipfel, als die Dunkelheit, resp. das Zwielicht der antarktischen Nacht und sanft umhüllte.

Der Boden war relativ trocken und warm und ich verbrachte eine äusserst angenehme Nacht in dieser ansonsten eiskalten Region.


Wir haben die Nacht unter einem Felsvorsprung verbracht, der uns vom Wind, der rasiermesserscharf blies, Schutz bietete. Wir schliefen tief und fest, ohne Angst vor Ratten und Bettwanzen.



Während dieser Nacht wurden wir Zeuge von der wunderbarsten Aurora Australis, die wahrscheinlich je von einem menschlichen Auge erblickt wurde. Wir befanden uns ca. acht bis neuntausend Fuss 8ca. 2500 Meter) über dem Meeresspiegel (zur Information: Mount Erebus erhebt sich ca. 3800 Meter über Meer) und die violett-orange leuchtenden Bänder erfüllten den gesamten Bereich um uns herum. Die Szenerie war überwältigend. Soweit unser Auge reichte, erstreckte sich eine unendlich lückenlose Mauer aus Eis.

Als ich mein Fernglas jedoch gegen Süden richtete, erblickte ich so etwas wie offenes Meer. Und je länger ich in diese Richtung starrte, kam der Gedanke auf, dass es möglicherweise eine Durchfahrt geben könnte, die das Gewässer vor und hinter der Mauer aus Eis verbindet. Da unendlich viele Wasserfälle über die Mauer aus Eis hinunter flossen, musste es doch hinter der Mauer ebenfalls Wasser haben, das nicht gefroren war.



Wir stiegen dann ohne Probleme wieder hinunter und ich instruierte Kapitän Brent, er solle doch versuchen -mit einer sicheren Distanz zur Mauer aus Eis- den antarktischen Kreis zu umsegeln oder zumindest versuchen, einen Durchgang zu finden, der durch das Eis hindurchführt.

Vollständig von der Tatsache erfüllt, dass die Erde eine Kugel sei, dachte ich, dass die Wassermassen lediglich eine offenes Polarmeer waren, das durch Mauern aus Eis umschlossen sind.




Während den nächsten vier Tagen, als wir nordwärts segelten, war die See so stürmisch und der Himmel pechschwarz, sodass wir nicht einmal mehr in der Lage waren, die Spitze des Hauptmastes zu erblicken. Die hohen Wellen brachten das Schiff beinahe zum Kentern und alle mussten sich mit Tauen anbinden, um nicht von Bord gespült zu werden. An Kochen war nicht zu denken und während vier Tagen war kein Feuer in der Bordküche. Wir ernährten uns während diesen Tagen nur von Keksen und Konserven und ein bisschen Rhum, um uns warm zu halten.

Es war eine furchtbare Zeit und wenngleich wir schon öfters stürmisches Wetter überstanden haben, war das, was wir erlebten, unvergleichbar. Tatsächlich sagte Kapitän Brent später, dass in all den 20 Jahren auf See in diesen Gewässern er nie solch stürmische Winde erlebt hatte. Nur die Festigkeit unseres Schiffs und die Erfahrung unseres Skippers schützten uns vor dem Untergang.



Zwei Wochen später, als wir wiederum an einer Mauer aus Eis entlang segelten, liess mich Captain Brent zu sich rufen. Er gab mir sein Fernrohr und zeigte auf eine Art Öffnung in der Eismauer. Zwei kristallene Felsvorsprünge waren sichtbar und zwischen ihnen so etwas wie eine schmale Meeresenge. Als wir uns näherten, beobachteten wir, wie sich die Strömung verhielt. Als wir feststellen, dass sie hineinfloss, gab ich die Anweisung in die Meeresenge hineinzusegeln. Vergeblich hat Captain Brent versucht, mich davon abzuhalten. Der Wind sei zu schwach, und falls wir in diesem Kanal auf Eis stiessen, können wir nicht umkehren.


Seitdem wir den Hafen von New York verliessen, war es das erste Mal, dass wir ernsthafte Meinungsverschiedenheiten hatten.

Es schien der Fall zu sein, dass die Vorsehung hier ihre Finger im Spiel hatte, denn als das Schiff in den engen Kanal gelotst wurde, liess der Wind nach und wir drifteten dahin. Wir versuchten, das Schiff mit dem Anker zu stoppen. Es nützte nichts, denn das Gewässer war viel zu tief, als dass der Anker weiterhelfen konnte. Die Strömung hatte uns erfasst und es blieb uns nichts anderes übrig, als das Schiff so gut wie möglich in der Mitte des Kanals zu manövrieren.

Mein Herz flatterte, als wir zwischen den riesen Eiswällen hindurchsegelten. Immer in der Hoffnung, dass der Wind nicht erwachte und unser Schiff an einer der beiden Eismauer zerschellen liess.



Die schlimmen Befürchtungen seitens Captain Brent haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Die Passage war mehr oder weniger eisfrei und die Strömung verhalf, sicher vorwärts zu kommen. Tatsächlich war es für uns unmöglich, das Schiff zu wenden, da die Passage dafür zu eng war. Die regelmässige Glätte der Eiswände zu beiden seiten des Schiffs waren ein Indiz dafür, dass auch die Strömung sehr regelmässig sein musste. Das Indiz bestätige sich, als wir bei unserer Rückreise wieder die selben Bedingungen antrafen. Ich will damit nicht sagen, dass dieser Durchgang immer offen ist aber ich bin mir sicher, dass sich unter diesem Kanal fester Boden befinden muss. Mit der Strömung, die von Norden her kommt, mag es sicherlich ab und zu sein, dass dieser Kanal mit kleinen Eisbergen verstopft wird. Aber dies ist nur Theorie. Die Praxis zeigt momentan ein anderes Bild auf. Später meinte Captain Brent, dass dieser Kanal gut und gerne an die 25 Seemeilen (ca. 46km) lang sein muss.


> The Iron Republic - Kapitel III